Der GeschmackVenezuelas

Wurzeln

Weizen

In Caracas schrieb Ker Porter 1828 abschätzig in sein Tagebuch, Maismehl sei zusammen mit Casabe, dem Fladen aus Yuca, das Brot der in seinen Augen niedrigsten Rassen.120 Im selben Eintrag notierte er, dass jedes bisschen Weizenmehl aus den Vereinigten Staaten oder aus Frankreich komme.121

Die Rangordnung, die aus seinem Satz spricht, war älter als sein Tagebuch. Der Historiker José Rafael Lovera fasst die Kolonialzeit so zusammen: Weizenbrot sei fast ein Vorrecht der Bewohner der größeren Städte gewesen. Zum selben Befund kommt Eduardo Arcila Farías: Weizen aßen fast nur die Weißen, Indigene und Versklavte blieben beim Mais.122 Am weitesten verbreitet habe es sich in den Anden, wo man sogar die Arepa, sonst ein Fladen aus Mais, mit Weizenmehl machte. In Mérida war die Weizenernte schon Ende des 16. Jahrhunderts so ergiebig, dass Mehl über Maracaibo ausgeführt wurde. Und weil das Weizenbrot zum Eroberer gehörte, sei es, so Lovera, stets vom Schein der Überlegenheit umgeben gewesen. Hinzu kam die Kirche: Für die Eucharistie galt nur Brot aus Weizen.123

Die Colonia Tovar zeigt, dass selbst ein gezielter Anbauversuch daran wenig änderte. Als deutsche Siedler 1843 die Kolonie gründeten, sollte Weizen dort „erstmalig im grossen Stil versucht werden“. In ihrem Programm hieß es: „Warum Kaffee bauen, wenn … der Waizen gut geräth“. Schon im November 1844 schrieb Agustín Codazzi, der die Ansiedlung organisiert hatte, an Präsident Soublette: „Mein ganzer Weizen ist verloren“ – die Ähren seien krank und trügen kein einziges Korn.124 Gelebt wurde vom Kaffee. Noch um 1960 mahlte die Wassermühle Mais; das Holzofenbrot, „Panbroten“ genannt, wurde zum Markenzeichen für Ausflügler aus Caracas, und der Bäcker Guth baute wegen ihrer Nachfrage ein größeres Backhaus.125

Für Caracas lässt sich eine andere Entwicklung besser verfolgen: nicht der Anbau des Weizens, sondern das Geschäft mit seinem Brot. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Ramella als Bäcker in Caracas belegt; eine Anzeige von 1871 nennt die von Pablo Ramella geführte Panadería Ramella. In dieser Bäckerei an der Esquina de Las Gradillas entstand nach den Recherchen des Journalisten und Gastronomieforschers Miro Popić im Dezember 1905 das Pan con jamón, anfangs nur mit Schinken gefüllt; Popić schreibt es Lucas Ramella y Martínez zu, der die Familienbäckerei 1903 mit moderner Technik ausgestattet hatte. Schon im folgenden Jahr boten es Konkurrenten an: Am 21. Dezember 1906 warb Montauban & C.A. damit als Weihnachtsspezialität.126

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist im städtischen Bäckereigewerbe ein Brot greifbar, das als Pan de jamón zum venezolanischen Weihnachtsbrot wurde.127

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