Mais und Yuca waren nicht überall gleich wichtig. Im Westen spielte Mais eine große Rolle, im Osten Yuca und Casabe.
In den kalten Höhen der Anden kam ein drittes Standbein hinzu: die Kartoffel und andere Knollen. Mais wurde auch in den Anden angebaut, doch in den höchsten Lagen, in den Páramos um Mucuchíes und Timotes, war die Kartoffel das wichtigste Nahrungsmittel.40
Für die hochgelegenen Siedlungen um Mucuchíes beschreibt Erika Wagner ein andines Hochlandmuster. Auf den Terrassen und in den Flusstälern der tierra fría standen Steinbauten; die Keramik war schlicht. Die Ernährung beruhte nach Wagner auf Kartoffel, ruba (ulluco) und cuiba (oca), den Knollenpflanzen des kalten Andenklimas.
Eine dieser Schriftquellen macht die Kartoffel unmittelbar nach der Eroberung sichtbar. Die Relación geográfica de Trujillo von 1579 beschreibt die Nahrung der indigenen Bevölkerung der kalten Anden: Sie lebten von denselben Lebensmitteln wie zuvor. An erster Stelle nennt der Bericht turmas, gefolgt von weiteren Wurzeln und Mais.41 Derselbe Bericht kennt neben einem Idol des Maises auch ein Idol der turmas. Der Ethnobotaniker Víctor Manuel Patiño identifizierte diese Turmas als Kartoffeln und zählte sie zu den wichtigsten Nahrungsmitteln der Cuicas und Timotes.42 Die Kartoffel gehörte damit bereits im 16. Jahrhundert zum indigenen Ernährungssystem der venezolanischen Anden. Auch unter spanischer Herrschaft blieb sie ein fester Teil der Landwirtschaft: Die Arbeitsordnung für die Gobernación de Mérida vom August 1620 legte fest, welchen Lohn Indigene für ihre Arbeit im Dienst der Spanier erhielten, darunter für das Pflanzen und Jäten der turmas.43 Als Jean-Baptiste Boussingault im April 1823 über den Páramo nach Mérida reiste, aß er oberhalb von Timotes vor dem Aufbruch einen Ajiaco aus Kartoffeln und Hammelfleisch, gewürzt mit Knoblauch und Chili. Am nächsten Tag in Mucuchíes trug Johnston, der mit ihm reiste, eine riesige Platte Kartoffeln mit Wurst und Weißbrot auf: Hier werde wenigstens gegessen, nicht wie im heißen Land, wo man von Süßem lebe.44 Das alte Wort turma lebt bis heute in einem Gericht aus La Grita: Die Turmada, eine Art Kartoffellasagne, schichtet Páramo-Kartoffeln mit Weißkäse, Ei und Brot über einen Guiso aus Zwiebel, Tomate und Paprika.45