Mit dem Erdöl verschob sich auch die Geographie Venezuelas. Seit den 1920er Jahren konzentrierten sich die aus dem Erdöl stammenden wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen zunehmend in den wichtigsten Städten; zugleich zogen Menschen aus ländlichen Regionen nach Caracas, Maracaibo und in neue Erdölzentren.
1926 lebten 15,0 Prozent der Bevölkerung städtisch, 1936 waren es 28,9 Prozent, 1961 bereits 62,5 Prozent.128 Bis an den Herd reichte der Wandel: 1937 hob die Regierung von Eleazar López Contreras die Einfuhrzölle auf Kerosin auf, damit in den Städten weniger Brennholz und Holzkohle verfeuert wurde.129 Seit Ende der 1940er Jahre kamen mit dem Erdölgeld auch nordamerikanische Waren ins Land: Limonaden, Tiefkühlkost, Konserven und, als erstes Fast Food, der Hotdog.130
An der Arepa wird dieser Wandel konkret. In Caracas gab es schon vor 1925 Tostadas: die Cervecería de la Torre bot Tostadas de queso amarillo an; ab 1950 wurden gefüllte Arepas unter diesem Namen gewerblich verkauft. Man schnitt die Arepa auf, füllte sie und verkaufte sie als Mahlzeit; später bekamen Kombinationen Namen wie dominó, pelúa oder reina pepiada.
Der Mais hatte bis dahin an Boden verloren: Zwischen 1949 und 1959 sank der Verbrauch von gestampftem Mais für Arepas von 38 auf 18 Kilo pro Kopf und Jahr; an seine Stelle trat importiertes Weizenmehl.131 Im Dezember 1960 kam Harina P.A.N. auf den Markt. Der Werbesatz „Se acabó la piladera“ – Schluss mit dem Stampfen – benannte den entscheidenden eingesparten Arbeitsgang. Für den Arepateig mussten Maiskörner nun nicht mehr täglich eingeweicht, gekocht, geschält, gestampft und gemahlen werden; aus vorgekochtem Maismehl ließ sich der Teig in wenigen Minuten zubereiten.132 Mit dem vorgekochten Mehl kehrte sich der Trend um, weil die Arepa nun schneller und leichter zu machen war.133
Gleichzeitig prägte eine starke Arbeits- und Nachkriegseinwanderung die wachsenden Städte. Zwischen 1948 und 1961 erhielten 614.425 Ausländer erstmals eine venezolanische Cédula; unter Einschluss von Kindern und nicht registrierten Einwanderern wird die Zahl der Neuankömmlinge für diesen Zeitraum auf rund 800.000 geschätzt. 78 Prozent waren Spanier, Italiener und Portugiesen. Viele arbeiteten im Bau und im Handel, ausdrücklich auch in Panaderías, Restaurants und Cafeterías.134
In Barquisimeto lässt sich das an portugiesischen Betrieben konkret verfolgen. In den 1950er Jahren entstanden Bars, Restaurants, Fuentes de soda und Abastos; zugleich sind für die Jahre 1948 bis 1962 mehrere Panaderías mit portugiesischer Beteiligung dokumentiert. Verkauft wurden dort unter anderem francés, sobao, campesino und canilla – Brote für ein Publikum aus Venezolanern und verschiedenen Einwanderergruppen.135 In den 1970er Jahren wurden dann die Cachitos de jamón zum Star der neuen Pastelerías und Panaderías.136
Die europäische Nachkriegseinwanderung war nur eine der Migrationslinien. Chinesische Einwanderung ist in Venezuela seit dem 19. Jahrhundert belegt. Norbert Molina Medina nennt für die Mitte des 20. Jahrhunderts neben Landwirtschaft und Kleinhandel auch Restaurants, in denen Einwanderer ihre traditionelle Küche anboten.137
Im 20. Jahrhundert war Venezuela Ziel solcher Einwanderungen. Später änderte sich die Richtung erneut: Venezolaner gingen fort und nahmen ihre Küche mit. Damit begann für Arepa, Hallaca, Casabe oder Guayoyo eine weitere Reise. Sie mussten nun in anderen Städten, mit anderen Geschäften und anderen Zutaten wieder gekocht werden. Hier endet diese Geschichte nicht, hier geht dieses Buch weiter.