Der GeschmackVenezuelas

Wurzeln

Plátano

Als der Plátano nach Amerika kam, traf er auf eine Küche, in der Mais und Yuca längst verarbeitet wurden. Die Musa dagegen war ein Fremdling.

Oviedo berichtet, dass Fray Tomás de Berlanga 1516 die ersten Pflanzen von Gran Canaria nach Santo Domingo brachte. Von dort verbreiteten sie sich rasch über die Inselwelt und auf die Tierra Firme. Oviedo kannte bereits mehrere Arten, die Frucht zuzubereiten: getrocknet, im Ofen oder auf dem Rost gebraten, mit Fleisch im Topf gekocht oder vollreif roh gegessen. In Venezuela ist der Plátano im 16. Jahrhundert als angebaute Nutzpflanze an Flussufern bereits durch Galeotto Cey (1539–1553) sowie in Caracas (1578) bezeugt.56

Im 18. Jahrhundert erscheint der Plátano in den Quellen als Lebensmittel des Alltags. José Gumilla beschrieb 1741 grüne, geröstete Plátanos als Brotersatz; im Kochtopf dienten sie wie Gemüse, halbreif gingen sie in Eintöpfe, reif wurden sie als Frucht gegessen. Seine Zusammenfassung ist kaum zu überbieten: Der Plátano sei die Hilfe jedes Armen und diene in Amerika als Brot, Speise, Getränk, Konserve und beinahe für alles.57 Antonio Caulín unterschied 1779 in der Nueva Andalucía vier Formen: große Plátanos, Dominicos, Bananas und Cambures. Die großen Früchte dienten auf den Haciendas Versklavten, Indigenen und anderen Bewohnern als tägliches Brot, geröstet oder im Topf gekocht.58 Eine Rekonstruktion kolonialer Verbrauchsdaten für die Provinz Caracas von 1751 und 1775 setzt zwei Früchte des Typs hartón pro Tag an; zusammen mit Mais lieferte der Plátano danach bis zu 54 Prozent der aufgenommenen Kalorien.59 Im Tal von Urama bei Nirgua heißt es Ende der 1760er Jahre entsprechend, dort würden viele Plátanos angebaut, die ihnen als Brot dienten.60

Am Orinoco begegnete Gilij 1780 und 1781 verschiedenen Namen und Sorten. Er nennt Guinèo oder Cambure, Artóne und Dominico; bei den Tamanaken beobachtete er noch eine weitere Sorte, daneben verzeichnete er indigene Bezeichnungen wie Paru oder Paruru.61 Grüne Plátanos wurden geschält und auf der Glut gegart und ausdrücklich anstelle von Brot gegessen.62 Gilij schildert außerdem Pflanzungen an Wasserläufen, die Vermehrung über Schösslinge und die kurze Zeit, in der aus einem Ableger eine tragende Pflanze wurde.63

Am eindrucksvollsten ist sein Bericht über den Tocoró der Tamanaken. Dafür wurde eine grüne Banane zunächst in der Sonne gehärtet, anschließend im Mörser zerstampft, zu einem Fladen geformt und auf heißen Platten gebacken. Der Plátano wurde hier mit lokalen Geräten und Handgriffen zu einem brotartigen Fladen verarbeitet.64

Im 19. Jahrhundert zeigen Ramón Páez und Carl Ferdinand Appun den Plátano zugleich als Handelsware und als alltägliche Küche. Páez fielen 1862 auf dem Markt von Maracaibo Größe und Fülle der Kochbananen auf, die er als bevorzugte Nahrung von Menschen „aller Klassen“ bezeichnete. An den feuchten Ufern des Sees lagen große Plátano-Pflanzungen neben dem Kakao; auf Piraguas, den großen Lastbooten des Maracaibo-Sees, wurden ganze Ladungen der Früchte in die Stadt gebracht.65 Appun schrieb wenige Jahre später, der Plátano vertrete in Venezuela neben Casabe und Mais die Stelle des Brotes. Unreife Früchte würden geröstet oder gekocht gegessen, reife in Fett gebraten oder geröstet.66

Tulio Febres Cordero beschreibt 1899 in Mérida eine sopa de plátano: Die Frucht wird in Scheiben geschnitten, in Schmalz gebraten, leicht zerdrückt und in gewürzter Brühe mit Ei und zerbröckeltem Käse weitergegart. Alternativ könne sie geröstet und zerstoßen werden. Frittieren, Zerdrücken, Brühe, Ei und Käse sind hier als konkrete Küchenpraxis belegt.67

Für Barlovento und andere afrovenezolanische Regionen nennen spätere Autoren Zubereitungen wie Fufú, Cafunga oder Mfunga und verbinden sie mit west- und zentralafrikanischen Kochtechniken.68

← Gewürze und KräuterZuckerrohr und Papelón →