Der GeschmackVenezuelas

Wurzeln

Mais

Im Pilón, einem großen Mörser, wurde in Venezuela der Mais gestampft. Maíz pilado heißt das so gestampfte und dabei entspelzte Korn.

An diesem Gerät hängt die Frage, die durch die Geschichte des Maises in Venezuela führt: Wie wurde aus dem Korn und der Arbeit, die es verlangte, die tägliche Arepa?

Die ältesten Spuren reichen weit hinter den Pilón zurück. In Barinas fanden sich Maiskolben, die um 130 und um 340 n. Chr. datiert werden, in Caño del Oso dazu Mahlsteine in noch tieferen Schichten.1 Auch auf den Hochfeldern bei La Tigra wuchs Mais vor Ort, wann genau, ist offen.2 Im Tal von Quíbor lagen um 750 bis 950 n. Chr. Kolben neben Mahlsteinen; aus dem Andenraum sind Tonplatten aus der Zeit um 1000 bis 1300 n. Chr. bekannt, und an kleinen Budares aus Quíbor aus dem 14. und 15. Jahrhundert fanden sich noch Reste von verkohltem Maisteig.3 Aus lagerfähigem Korn entstand durch Mahlen ein Teig, aus dem sich auf der heißen Platte ein festes, tragbares Maisbrot backen ließ; daneben kochte man Breie. Wer an diesen Steinen arbeitete, sagen die Funde nicht; davon berichten erst die Chronisten. Ihre Nachrichten setzen mehr als tausend Jahre nach den ältesten Kolben ein und treffen nicht auf einen Anfang, sondern auf eine längst entwickelte Küche aus Mais und Yuca.

Die erste dieser Nachrichten stammt von Kolumbus’ dritter Reise. 1498 ankerte er vor den Jardines, den „Gärten“, am Golf von Paria. Männer seiner Mannschaft gingen an Land, und man reichte ihnen Brot und Früchte. Der Wein, den man dazu ausschenkte, war nicht aus Trauben; ein Teil davon, vermutete Kolumbus, sei aus Mais.4 Er selbst blieb an Bord und gab wieder, was man ihm erzählte. Welche Art Brot die Männer bekamen, bleibt offen. Der spanische Chronist Gonzalo Fernández de Oviedo beschrieb für Tierra Firme, das von Spanien beanspruchte karibische Festland, einen ausgehöhlten Mahlstein von zwei bis drei Spannen und Maisteig, der in Blättern gekocht oder in der Glut gebacken wurde.5 Galeotto Cey sah 1545 in El Tocuyo,6 wie man harten Mais nach einer Nacht im Wasser schälte und mahlte,7 die Fladen auf einer Tonplatte über drei Steinen buk und daraus areppas sowie ayaccas8 bereitete; den Teig für die ayaccas ließ man manchmal ein oder zwei Tage sauer werden.9 Am Apure beobachtete Jacinto de Carvajal 1674 bei den indigenen Rancherías viel Mais cariaco; daraus bereiteten sie ihren alltäglichen Teller (ordinario plato) und vielfältige Getränke — Chichas, macares und andere.10

Deutlicher werden die Menschen am Mörser in den Actas de Cabildo, den Protokollen der Stadträte. Dort heißen die schwarzen Frauen, die Maisbrote herstellten, „pilanderas, panaderas y amasadoras“; es waren versklavte Frauen.11 Den Pilón, mit dem sie arbeiteten, deutet Villapol als Gerät afrikanischer Herkunft.12 In manchen Gegenden kochte man den Mais vorher mit Kalk oder Asche, um die Schale zu lösen, und nannte ihn dann maíz pelado.13

Das Wort Arepa selbst erscheint 1548 in einer Klage aus Río Hacha, festgehalten bei einer Visita, einer Untersuchung der Perlenfischerei: Die Perltaucher bekämen nur einen Maisfladen, „die man Arepa nennt“, keine zwei Bissen Brot, wenn sie ins Meer gingen.14 Die Taucher waren versklavte Indigene.15 Das Wort brachten die Taucher aus ihrer Heimat mit: Noch 1570 stammten viele Taucher am Cabo de la Vela aus der Provinz Cumaná, andere kamen in Kanus aus Cubagua; in ihrer Sprache, dem Cumanagoto, haben Missionare es später als erepa aufgeschrieben.16 Übersetzt haben sie es teils als Speise, teils als Mais: Tauste verzeichnete erepa 1680 unter „Comida“, also Speise, und den Casabe unter catcha; Ruiz Blanco übersetzte das Wort 1690 mit Mais.17 Auch die cachapa aus zartem Mais führt Tauste auf. Bei ayaca steht dort: „La arepa cogida.“ Gemeint ist eine zusammengefügte, umhüllte Arepa – eine frühe Vorstufe der heutigen Hallaca.18

Der Jesuit Filippo Salvadore Gilij beschrieb die Arepa 1781 am Orinoco genauer. Er nannte sie „Brot aus Mais“: Sie wurde in der totuma, einer Kalebassenschale, geknetet, zu einem runden, daumendicken Fladen von etwa einer Handbreit geformt und wie Casabe gebacken. Kalt aß man sie nie, sie kam „vom Ofen auf den Tisch“. Daneben erwähnte er die Jajàca, ein längliches, in Blättern gekochtes Maisbrot.19

Wie sehr die geplante Ansiedlung auf der Verfügung über indigene Frauen beruhte, zeigt eine Petition des Kapuziners Pedro de Berja von 1672. Die angeworbenen Siedler hätten eingewandt, ohne jemanden, der ihnen Arepa oder etwas Casabe bereite, könnten Frau und Kinder nicht versorgt werden, erst recht wenn die Frau krank werde. Eine Junta bewilligte daraufhin je nach Größe der Familie eine oder zwei indigene Frauen zu ihrem Dienst.20

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