Neue Zeiten

Da lag ich nun also, am Tag 1 meiner neuen Zeitrechnung, nach einem Herzinfarkt auf der Überwachungsstation. Der Druckverband, der nach der Kathederuntersuchung in der Leiste angelegt wurde, war schon wieder entfernt, aber das mit dem Nach-Hause-gehen sollte noch ein paar Tage dauern. Ich war voll verdrahtet, konnte nicht mal aufstehen und hatte damit Zeit genug für eine kleine Zwischenbilanz. Anfang 50, Nichtraucher und –trinker, Body-Mass-Index von sechsundzwanzig-komma-ungrad. Herzinfarkt war in unserer Familie bis dato ein Fremdwort, und mein Glukose- und Fettstoffwechsel, vor ein paar Jahren mal aus dem Ruder gelaufen, unter Kontrolle und im großen und ganzen innerhalb der Normwerte. Zuwenig Bewegung? Sicher. Stress? Kommt schon mal vor. Ungesunde Ernährung? Da hätte ich bis gestern sofort abgewunken, doch jetzt war ich unsicher.

Alles in allem aber die üblichen Risikofaktoren. Um genau zu sein lag mein Risiko bei 4%, innerhalb der nächsten 10 Jahre einen Herzinfarkt zu erleiden (laut Risikoberechnung nach PROCAM). Das klingt nach wenig, und doch bedeutet es nichts anderes als das von 100 vergleichbaren Männern vier einen Herzinfarkt erleiden. Ich war nun einer dieser vier – soviel zum Verständnis von Wahrscheinlichkeiten. Was also hatte ich falsch gemacht?

Die nächsten Tage und Wochen würde ich lernen, daß Essen furchtbar ungerecht sein kann. Doch jetzt gab es erstmal Frühstück:

1 Vollkornbrötchen
10 g Halbfettmargarine
je 1 Scheibe fettarme Wurst und Käse
1 fettarmer Joghurt
1 Apfel

Aus heutiger Sicht völlig in Ordnung und ausreichend bis zum Mittagessen, war das an dem Tag ein Schock für mich. Das wäre als halbes erstes Frühstück durchgegangen, mit einem zweiten Frühstück am Vormittag. Natürlich mit 10 g Butter, auf jeder Brötchenhälfte versteht sich. Und nicht dieses fettarme Zeugs, sondern echten Käse und Wurst. Ich war so schockiert, daß ich erstmal gar nichts aß. Kein Frühstück, und auch kein Mittag- und kein Abendessen. Und am nächsten Tag gleich auch nix. So!