Die Wiederentdeckung brasilianischer Zutaten

Vor knapp drei Jahren unterhielt ich mich mit Katharina von valentinas-kochbuch.de unter anderem über den brasilianischen Kochbuchmarkt. Dieser wurde in Deutschland bis dahin nur am Rande gestreift und es war keine Änderung in Sicht, obwohl dieses Land kulinarisch viel zu bieten hat. Doch am Horizont zeigte sich ein Silberstreifen Hoffnung: die Fussball-WM und die Olympischen Spiele würden 2014 und 2016 in Brasilien stattfinden.

„Ich bin sicher, daß sich bis dahin die brasilianische Küche auch hier wieder einer größeren Aufmerksamkeit erfreuen kann. Es wäre schön, in den nächsten Jahren etwas Neues aus Brasilien auf dem deutschen Kochbuchmarkt zu finden.“

Mein Favorit war damals wie heute:

„In den letzten Jahren hat sich erfreulicherweise eine gehobene Küche entwickelt, die wieder stärker den regionalen Aspekt betont, aber trotzdem exotisch ist und als eine wahre brasilianische Küchenkreation betrachtet werden kann. Vorreiter dieser Bewegung ist Alex Atala, (…) Leider sind seine Kochbücher nicht übersetzt.“

Bis jetzt, wäre hier nur noch zu ergänzen gewesen. Ganze drei Jahre hat es also gedauert, aber das Warten hat sich gelohnt.

Zum ersten Mal überhaupt erscheint ein brasilianisches Kochbuch simultan in mehreren Ländern, übersetzt in Englisch, Deutsch und Niederländisch. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse kommt das neue Werk von Alex Atala mit dem Titel „Die neue brasilianische Küche“ in den Handel. Das Buch ist auf den ersten Blick für den internationalen Kochbuch – Afficionado verfasst. „Dieses Buch ist für den, der noch nie in Brasilien war“, sagt Atala. Er reflektiert über die brasilianische Küche und zeigt den kreativen Umgang mit exotischen Lebensmitteln.

Der portugiesische Buchtitel, der auch in der englischen Übersetzung dem Original treu bleibt, zeigt, daß Atala sich auch an brasilianische Köche wendet: „Die Wiederentdeckung brasilianischer Zutaten“, auch wenn es für viele Leser erst einmal um die Entdeckung überwiegend unbekannter Zutaten gehen dürfte. Selbstbewusst werden hier einheimische Zutaten eingesetzt, die selbst vielen Brasilianern nur dem Namen nach bekannt sein dürften. Oft handelt es sich um sehr spezielle Lebensmittel, die sich dem landwirtschaftlichen Anbau verweigern und nur auf regionalen Märkten zu finden sind. Fische oder Kräuter aus dem Amazonas sind, ausser in der Region, am ehesten noch in der über 3000 km entfernten Millionenmetropole São Paulo zu finden. Dies zeigt dann doch ein etwas anderes Verständnis von regionalen Zutaten. Um so wichtiger, daß Atala auf die Rolle der Gastronomie hinweist, die sie bei der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen spielen kann.

Aber auch Alltägliches findet sich in neuem Gewand wieder und macht Lust auf das Wiederentdecken. Als langjähriger Expat in Brasilien habe ich mich über Coxinha genauso gefreut wie über Mandioquinha, die ein wahrer Seelentröster sein kann – Soulfood gewissermassen. Auch wenn gewisse Zutaten hier nicht zu bekommen sind, die Geschichten und die fabelhaften Fotos „matam a saudade“, wie man in Brasilien sagt: sie stillen die Sehnsucht. Wenn auch nicht für lange.